4. Kapitel: Wirtschaftsaufschwung

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AK und ÖGB sorgen dafür, dass sich Österreich zum modernen, vorbildlichen Sozialstaat entwickelt: Das Sozialversicherungsrecht tritt 1956 in Kraft, es folgen das Mutterschutzgesetz und Verbesserungen bei Karenz und Kinderbeihilfe. Zunächst gelingt es die Arbeitszeit auf 45 Stunden zu verkürzen, nach einem Volksbegehren wird die 40-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich bis 1975 etappenweise eingeführt. Parallel dazu steigt der Mindestanspruch auf Urlaub, und der Nationalfeiertag wird arbeitsfrei.

ÖGB & AK machen Österreich zum vorbildlichen Sozialstaat
Österreich zwischen
1956 und 1970
In allen Lebenslagen geht es bergauf.
konsumentenschutz

Weil die Preise so stark steigen, baut die AK eine Einkaufsberatung auf und beginnt mit Preisinformationen. Der Konsumentenschutz als Aufgabe der Arbeiterkammern ist geboren.

messepavillon
Die Ausstellung „ Schutz dem Konsumenten“, die im Messepavillon die „Hilflosigkeit der Verbraucher bei Einkäufen“ zeigt, besuchen 20.000 Wienerinnen und Wiener. Der Verein für Konsumenteninformation entsteht als sozialpartnerschaftliche Einrichtung.
Wirtschaftsaufschwung
Durch die Hochkonjunktur herrscht bei den Männern Vollbeschäftigung. Jetzt werden auch Frauen als Mitarbeiterinnen umworben, Mädchen kommen leichter zu Lehrstellen.
Sozialpartnerschaft
Die Paritätische Kommission sorgt für eine Balance in der Entwicklung von Löhnen und Preisen. Sie ist das Kernstück der österreichischen Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft. Ohne diesen Interessenausgleich wäre diese Aufwärtsentwicklung der Konjunktur viel geringer. Auf diese Weise bekommen auch Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihren gerechten Anteil am Wirtschaftswachstum.
Leben & Wohnen
Elektrische Geräte und Fernseher ziehen in die Haushalte ein, mehr und mehr Menschen können sich auch ein Auto leisten.
konsumgueter
Technische Neuerungen 
Langlebige Konsumgüter zeigen, dass die Krisenzeit überwunden und ein bescheidener Wohlstand eingekehrt ist.
friseur
fernseher
Fernsehen wird beliebt: Man sieht den „Aktuellen Sport“ mit Edi Finger, Zeit im Bild, Heinz Conrads und die Siege Toni Sailers bei den Olympischen Spielen 1964.
Die Beatles besuchen Obertauern für einen Videodreh.
Udo Jürgens gewinnt den Song Contest 1964.
Merci Cherie
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Neil Amstrong betritt den Mond
MAX
geboren 1936
Maschinenschlosser
ANNA
geboren 1938
Verkäuferin
JULIE
geboren 1962

Max, Anna und Julie

Klicken Sie sich durch die Biographien und leben Sie den Alltag der Familie mit.

Max ist gelernter Maschinenschlosser. Er bildet Lehrlinge aus und freut sich über die Verbesserungen in der Arbeitswelt. Er ist überzeugtes Gewerkschaftsmitglied, weil er meint, dass nur gemeinsam etwas weitergehen kann.

Im Vergleich zu früher kann sich Max heute um vieles mehr leisten: Er geht mit Anna ins Kino, manchmal auch zum Heurigen. Gerade hat er mit seiner Familie eine neue Wohnung am Stadtrand in Kagran bezogen – mit Balkon. Dafür hat er bei der Arbeiterkammer ein Darlehen bekommen. Max ist das Familienoberhaupt. Er entscheidet, welche Schule die Kinder besuchen, ob er ein Auto kauft oder ob Anna Weiterbildungskurse besucht.

Auch Max streikt im Mai 1962 mit den Metallern. Es ist der größte Streik seit Kriegsende. Die Arbeiterinnen und Arbeiter fordern nicht nur eine Lohnerhöhung, sondern auch arbeitsrechtliche Verbesserungen und die Abschaffung der diskriminierenden Frauenlohngruppen.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit?

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Max will Autofahren lernen und den Führerschein machen. Er besucht die Fahrschule des bfi.
Am Drivotrainer wird er ohne Gefahr an einem Fahrsimulator die Bedienung des Fahrzeugs erlernen.

Anna arbeitete früher in einem Feinkostladen. Ihr erstes Kind kommt 1959 zur Welt. Da musste sie noch kündigen, um bei ihrem Kind zu Hause bleiben und Arbeitslosengeld zu bekommen. Als Julie 1962 auf die Welt kommt, ist das nicht mehr notwendig. Anna bekommt 500 Schilling Geburtenbeihilfe und ein Jahr lang Karenzgeld. Die Familienbeihilfe wird 14x im Jahr ausgezahlt.
Auch die Säuglingsbeihilfe 2x jährlich hilft sehr. Mit der neuen Wohnung so weit draußen am Stadtrand in Kagran ist Anna nicht so glücklich. Sie wollte lieber in der Stadt bleiben. Aber weil zumindest die Kinder ihr eigenes Zimmer haben, freundet sie sich mit der Situation an. Ihre Mutter hilft ihr sehr und passt oft auf die Kinder auf.

Die Hausarbeit ist nicht mehr so anstrengend wie für ihre Eltern. Bügeleisen, Kühlschrank und Staubsauger hat sie schon, die nächste Anschaffung soll eine Waschmaschine sein. Sie ist überzeugt, dass Max ihr bald eine kaufen wird. Trotzdem ärgert sie sich über ihn: Er hilft ihr nie bei der Hausarbeit.

Aber er legt sich auch nicht quer, dass sie am BFI Kurse besuchen will um Stenotypistin zu werden. Sie will den Aufstieg ins Angestelltenverhältnis schaffen. Erst durch die Familienrechtsreform Anfang der 70er wird Anna ihrem Mann rechtlich gleichgestellt sein.

Julie geht in den Kindergarten, besucht Volks- und Hauptschule. Sie ist eine sehr gute Schülerin und erlebt eine unbeschwerte Kindheit. Mit ihren Freundinnen ist sie viel draußen. Am Samstagabend darf sie mit der Familie fernsehen. Der schwarz-weiß-Fernseher ist der Stolz des Vaters. Er ist es auch, der will, dass sie eine Lehre als Bürokauffrau macht.
Aber ihre Mutter besteht darauf, sie in eine höhere Schule zu schicken. Die Lehrerin meinte, es wäre das Beste für Julie. So stimmt auch ihr Vater zu, und Julie kann einige Jahre später Lohnbuchhalterin in einer großen Wiener Firma werden.

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Julie liebt es, mit ihren Freundinnen am Spielplatz zu toben.
Die Familie genießt es, manchmal auch in ein Restaurant essen zu gehen oder einen Heurigen zu besuchen. Im AK-Volkstheater in den Außenbezirken sehen sie gutes Theater zum Preis einer Kinokarte.
Julie freut sich. Immer wenn sie mit ihrer Schwester von der Schule nach Hause kommt, erwartet sie ihre Oma daheim mit einem köstlichen Mittagessen. Am besten schmeckt den beiden Omas Apfelstrudel.
Ein kleiner Luxus

WAS IN DIESER ZEIT GESCHAH        

 FÜR SIE ERREICHT

1957
1956
1955

Der Aufstand in Ungarn wird durch die UdSSR niedergeschlagen. 190.000 Flüchtlinge drängen nach Österreich.

Österreich ist frei, aber besetzt.

Die Paritätische Kommission wird gegründet.

USA: Neuer Präsident John. F. Kennedy

Tod von ÖGB-Präsident Johann Böhm. Sein Nachfolger wird Franz Olah.

Die Wiener Stadthalle wird eröffnet. Architekt: Roland Rainer.

45-Stunden-Woche für alle, Gründung des BFI
Mutterschutzgesetz: 6 Wochen Krankengeld bei Mutterschutz, für alle Mütter.

Säuglings-, Geburtenbeihilfe- und Karenzurlaubsgesetz wird beschlossen, gilt ab 1961.

Am Bergbau: 45-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich

1958
1959
1960
1961

Bau der Berliner Mauer durch die DDR.
Treffen zwischen US-Präsident Kennedy und UdSSR-Ministerpräsident Chruschtschow in Wien.

Der Metallarbeiterstreik ist der größte Lohnkonflikt seit 1945.

Olympische Spiele in Innsbruck

Hugo Portisch initiiert das Rundfunk-Volksbegehren 1964

Sibirische Kälte in ganz Österreich. Im Klagenfurter Becken werden -28° gemessen
Mord an US-Präsident Kennedy

Die Beatles in Obertauern

Gründung des VKI. Karenzurlaub jetzt für 1 Jahr plus 4 Wochen Kündigungssschutz für die Mutter, Auszahlung der Kinderbeihilfe 14x jährlich

Das Raab-Olah-Abkommen zur Sozialpartnerschaft, eine Maßnahme zur Stabilisierung der Löhne und Preise 

1962
1963
1964
1965
Der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen der Paritätischen Kommission wird gegründet.
ab 1965 Verlängerung des Mindesturlaubs durch General-KV auf drei Wochen
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1966

Weltweite Proteste gegen den Vietnam Krieg.
Udo Jürgens gewinnt den SongContest.

26. Oktober: Nationalfeiertag - erstmals frei und bezahlt.

Der Wiener Gemeinderat beschließt den U-Bahn-Bau.
Der Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen beendet den Reformkurs des Prager Frühlings, Ermordung von Friedensnobelpreisträger Martin Luther King.

Juli 1969: Mondlandung

Der Nationalfeiertag wird arbeitsfrei

AK und ÖBG definieren die Erreichung und Sicherung der Vollbeschäftigung als zentrales Ziel. 

Kreisky zum Volksbegehren über die Einführung der 40-Stunden-Woche

43-Stunden-Woche

1968
1967
1969
1970
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45
STUNDEN (ARBEITSZEIT PRO WOCHE, UM 1959)
3
WOCHEN (BEZAHLTER URLAUB, UM 1965)
742
SCHILLING (LOHN PRO WOCHE, UM 1963)
1
SCHILLING (1,6 S PRO KG KARTOFFELN, 1960)
2
SCHILLING (2,2 S KOSTET 1 STRASSENBAHN-FAHRSCHEIN 1960)

Friedrich Hillegeist

„Unser Hauptziel aber muß es sein, den Menschen das Gefühl sozialer Sicherheit und Geborgenheit zu geben, ohne damit ihre Selbstverantwortung zu beseitigen. Mit einem Optimum an sozialer Sicherheit soll gleichzeitig ein Optimum an persönlicher Freiheit verbunden sein.“

Soziale Sicherheit, August 1959, S. 226
Friedrich Hillegeist, Angestellter, Abgeordneter zum Nationalrat 1945-1962, Zweiter Präsident des Nationalrates 1961-1962, Vizepräsident des ÖGB 1959