1. Kapitel: Vor Gründung der Arbeiterkammern

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um 1910
In der Monarchie

Enge Arbeiterquartiere. Familien leben auf engstem Raum. Mit den niedrigeren Frauenlöhnen wird oft versucht auch die Männerlöhne zu drücken. Kinder finden wenig Zuwendung, können weder lesen noch schreiben.

Das Leben wird immer teurer. Es kommt zu hohen Preissteigerungen bei Lebensmitteln. Brot- und Mehlpreise verdoppeln sich, Fleisch ist unerschwinglich. Auch die Mietpreise sind eine große Belastung für die Menschen.

Hohe Kindersterblichkeit. Schlechte Ernährung, schlechte Wohnbedingungen und oft auch Kinderarbeit führen zu Mangelerscheinungen, die Säuglingssterblichkeitsrate liegt bei 15 Prozent.

Wien – eine Großstadt. Die Stadt hat 2 Millionen Einwohner. Während einige Adelige und Bankiers profitieren, sind Arbeiter und Kinder erfinderisch, wie sie ihr karges Familieneinkommen aufbessern können.

Republik Deutsch-Österreich. 1907 kommt für Männer, 1918 auch für Frauen das allgemeine, gleiche, freie Wahlrecht. Für die Arbeiter geht´s aufwärts: Arbeitsbücher werden abgeschafft, das Angestelltengesetz kommt.

 

Aus der AK

Wozu Arbeiterkammern und Gewerkschaften? Das Leben der Arbeiter ist von überlangen Arbeitszeiten, Hungerlöhnen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen gekennzeichnet. Für die Gründung von Gewerkschaften droht Kerkerstrafe.

1867 Recht auf Vereins- und Versammlungsfreiheit. Arbeiterbildungsvereine entstehen. Politische Mitsprache, soziale Verbesserungen, Lesen und Schreiben zu lernen, zählt zu den wichtigsten Forderungen der ArbeiterInnen.

1870 Koalitionsgesetz. Die Kollektivverträge sind das wichtigste Instrument, die „Magna Charta“ der Gewerkschaften. Aber erst 1920 wird das Parlament ein eigenes Kollektivvertragsgesetz verabschieden.

Starke Gewerkschaften. Victor Adler, Anna Boschek und Anton Hueber kämpfen für menschenwürdige Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das Arbeiterkammergesetz wird erst 1920 beschlossen werden.

Soziale Rechte. Die Verkürzung der Arbeitszeit ist die zentrale Forderung der ArbeiterInnenbewegung. Der Achtstundentag kann 1918 erreicht werden.

Politische Mitbestimmung. Es kommt die Sonn- und Feiertagsruhe, Arbeiter bekommen einen Anspruch auf Urlaub und der 8-Stundentag wird eingeführt. Endlich gibt es Kollektivverträge, Einigungsämter und Betriebsräte.

 

Max, Anna & Julie

Max, geboren 1880, Ziegelarbeiter, Tagelöhner

Max ist gelernter Weber, aber arbeitslos. Er geht zu Fuß ins entfernte Wien, um sich und seiner schwangeren Freundin Anna ein geregeltes Leben bieten zu können.

Max nimmt Aushilfsjobs an, arbeitet als Hilfsarbeiter und Tagelöhner. Zunehmend wird ihm klar, dass er nicht das nötige Geld zusammensparen kann, um seine Freundin und das Kind zu sich zu holen.

Mangelhafte Ernährung, fehlende Hygiene und der steigende Alkoholgenuss tragen dazu bei, dass Max nicht mehr arbeiten kann. Mit nur 34 Jahren stirbt er. Sein Kind hat er nie gesehen.

Anna, geboren 1888, Fabrikarbeiterin

Das Geld ist so knapp, dass sich Anna bei öffentlichen Ausspeisungen von Wohltätigkeitsvereinen anstellen muss, um für sich und ihr Kind eine warme Mahlzeit zu bekommen.

Anna verätzt sich in der Galvanisierungswerkstätte Hände und Gesicht. Oft wechselt sie die Stelle. Nicht wissend, dass Max bereits tot ist, übersiedelt auch sie mit ihrer kränkelnden Tochter nach Wien.

Nach der Fabrik wartet der Haushalt. Hunger ist ständiger Gast, die Kinder besitzen weder Schuhe noch Wintermäntel. Alle versuchen das Familienbudget durch Holzsammeln ein wenig zu verbessern.

Auch Anna profitiert nach dem 1. Weltkrieg von den neuen Errungenschaften, wie dem Achtstundentag und Urlaubsanspruch. Sie wird Mitglied eines Konsum- und eines Turnvereines.

Julie, geboren 1896

Rosige Zukunftsaussichten für ledige Arbeiterkinder gibt es nicht. Julie stirbt mit 10 Jahren an der Tuberkulose. Eigentlich hatte sie nur davon geträumt, einmal mit dem Ringelspiel im Prater zu fahren.

Viele Kinder sind völlig auf sich selbst gestellt. Organisationen wie die Kinderfreunde kümmern sich darum, dass Kinder zumindest einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekommen.

 

Für Sie erreicht

1848
Gründung von Handelskammern

1859
Die Gewerbeordnung verbietet Kinderarbeit unter 10 Jahren

1867
Staatsgrundgesetz

1870
Ab 1870 erste betriebliche Kollektivverträge, Aufhebung des Koalitionsverbotes, Gewerkschaftsgründungen, Streiks und Aussperrungen  werden entkriminalisiert. Bisher gab es dafür die Kerkerstrafe.

1872
Der Verein „Volksstimme“ verlangt vom Reichsrat (=Parlament) die Errichtung von Arbeiterkammern.  Die „Petition“ wird aber abgelehnt.

1883
Einführung von Gewerbeinspektoren

1885
11-Stunden-Tag für Fabrikarbeiter: Kinderarbeit und Nachtarbeit von Frauen ist verboten

1886
Dem Parlament wird erstmals der Entwurf eines „Arbeiterkammergesetzes“ vorgelegt

1888
Unfall- und Krankenversicherung für Fabrikarbeiter und Industrieangestellte

1895
Sonntagsruhe für das Handelsgewerbe

1905
Die Arbeitsbücher werden vom Obersten Gerichtshof als unmoralisch erklärt

1906
Angestelltenpensionsrecht, Verbot des "Weißen Phosphors" in der Streichholzherstellung

1907
Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für Männer und erste demokratische Wahlen

1917
Tschechische Sozialdemokraten fordern im Reichsrat die Errichtung von Arbeiterkammern. Der Metallergewerkschafter Franz Domes und Karl Renner bringen den Entwurf eines Arbeiterkammergesetzes ein

1918
Fortschrittliche Sozialgesetzgebung: Frauenwahlrecht, Beschluss über einen achtstündigen Normalarbeitstag für Fabrikbetriebe, erste Einigungsämter, Kollektivvertragsgesetz, Betriebsrätegesetz, Verbot der Arbeitsbücher

1919
Sozialdemokratische und christliche Gewerkschaften machen sich für die Errichtung von Arbeiterkammern stark

1920
26.2.1920: Beschluss des AK Gesetzes. Die Arbeiterkammern werden gegründet

60
STUNDEN (ARBEITSZEIT PRO WOCHE)
0
WOCHEN (BEZAHLTER URLAUB)
18
KRONEN (LOHN PRO WOCHE, UM 1910)
1
KRONE (PREIS PRO KG KARTOFFELN)
12
KREUZER (PREIS PRO STRASSENBAHN-FAHRSCHEIN)

ROBERT OWEN

Der britische Sozialreformer formuliert um 1830 die Forderung „8 Stunden Arbeit – 8 Stunden Freizeit – 8 Stunden Schlaf“. 1889 wird der 1. Mai von der Internationale der Sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zum Weltfeiertag der Arbeit beschlossen. Am 1. Mai 1890 findet in Wien eine große Demonstration statt. Gefordert wird der Achtstundentag.

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